Hedwig Archive

(Prinz Frankfurt - 26 FEB 2009)

PRINZ PRÄSENTIERT: Hedwig & The Angry Inch

Auf der Bühne des K52, das mit seiner Patina eine passende Off-Atmosphäre ausstrahlt, präsentiert Nigel Francis zusammen mit Livemusikern wie Michael Scheuber (Ex-Creme 21) und Carlotta Wüstkamp (Venus On Mars) die tragisch-komische Geschichte von "Hedwig & The Angry Inch."

Die Band ist da, das Publikum wartet. Da hebt der Einlasskontrolleur kurz die Hand - und los geht's. Hedwig schreitet langsam die rote Treppe herunter und erscheint an der Saaltür des charmant-schäbigen alten K52-Theaters, eingehüllt in einen riesigen Show-Mantel. Dann tippelt sie auf die Bühne, reißt die Arme nach oben und singt "I'm the new Berlin Wall, try and tear me down!" Und schwupps, sind wir mittendrin in einem surrealen Stück, halb Glam-Rock Konzert, halb Musical.

Die Diva war einst Hänsel Schmidt aus Ostberlin, geboren als die Mauer errichtet wurde. Neu geboren als Hedwig, kurz bevor die Mauer fiel. Dazwischen fiel verstörendes erlebt, vom Vater missbraucht, Radio im Backofen gehört (wollte die Mutter so, damit die Nachbarn nicht merken, dass Hänsel amerikanische Musik hört), von einem GI mit Gummibärchen verführt und von diesem zur Geschlechtsoperation gedrängt. Diese misslingt, ein sechstel der Männlichkeit bleibt, der "angry inch". Nach der OP führt der GI Transgender-Hänsel mit dem Pass seiner Mutter Hedwig in die Freiheit - in einen Caravan-Park nach Kansas. Kurz danach verlässt Sugerdaddy Hänsel-Hedwig, die Mauer in Berlin fällt. Das Opfer des fleischigen Anhängsels wäre nicht nötig gewesen.

Und das ist erst der Anfang der hochkomplexen Geschichte, die bis hierhin mit fünf wundervollen Rock-Songs, Videoeinblendungen und durch Hedwigs Monologe erzählt wird.

Dann ist da noch Tommy Gnosis, Hedwigs große Liebe, der mit ihren Rocksongs abgehauen ist und gigantische Erfolge feiert - das Publikum bekommt davon einen Eindruck, wenn Hedwig die Feuertür der Bühne öffnet und in eine imaginäre Konzertarena lauscht, wo Tommy, der Star, frenetisch gefeiert wird.
Das alles entwickelt sich im zweiten Teil zu einem Höllentrip für Hedwig, die zunehmend schwankt zwischen Depression und Manie. Fordert der mitreißende Sound von Band und Diva dass Publikum gerade noch auf, aus den Sitzen aufzuspringen, wirft die Zerrissenheit der Transgender-Queen es gleich wieder in die Plüschsessel zurück.

Nigel Francis begeistert in der Rolle. Auch wenn er körperlich wenig grazil und zerbrechlich wirkt, kann er überzeugen. Seine Vorteile liegen klar in seiner Präsens als "Rampensau". Wenn die Band (besetzt mit Michael Scheuber und Charlotta Wüstkamp von "Venus on Mars" sowie Mitgliedern der Frankfurt Punk-Band "Fuoco Noise") druck macht, legt er mit einem gewagten Sprung von der Bühne noch eins drauf.

Nigel Francis ist auch Produzent und Regisseur des Musicals, das 1998 von Musiker Stephen Trask und John Cameron Mitchell als Bühnenshow konzipiert wurde. Mit seiner neu gegründeten "London Theatre Company" will Francis weitere englischsprachige Aufführungen in Frankfurt präsentieren.

Zur Premiere am Valentinstag reisten aus der gesamten Republik Drag-Queens nach Frankfurt um "ihr" Musical zu sehen, darunter Sheila Wolf aus Berlin, dort eine lokale Tranvestie-Größe mit eigenem Blog. Aus Frankfurt waren u.a. die Terrorschwestern anwesend, aus Offenbach die Homoristen im Fummel. "Hedwig & The Angry Inch" hat sich heimlich zum Kultstück für alle die entwickelt, die Spaß am Gender-Hopping haben, die Glam-Rock mögen und krude Geschichten ohne Happy-End, die so völlig untypisch für das Musical-Genre sind. Hedwig & The Angry Inch steht damit in einer Musical-Tradition die mit "Hair" begann und sich mit der "Rocky Horror Picture Show" und "Rent" fortsetzte. Kurz: Wer Musicals hasst, wird dieses Musical lieben.

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