Hedwig Archive

(Frankfurter Rundschau - FR-online.de - 20 FEB 2009)

Das zornige Stückchen

Als sei die Zeit für Glamour zwar vorbei, dies aber kein Grund, ohne Glitzerlidschatten aus dem Haus zu gehen, schwappt nun Stephen Trasks und John Cameron Mitchells 90er-Rock-Musical "Hedwig & the Angry Inch" nach Frankfurt. Die Fassadenpracht von Transvestiten in der Unterhaltungsbranche wird hier ins Frankensteineske getrieben.

Die Drag Queen Hedwig singt monumentale Songs und erzählt folgende Geschichte: Geboren als Hänsel Schmidt in Ostberlin, hat sie sich in einen amerikanischen GI verliebt (wie das eigentlich? aber egal). Um ihn heiraten und mit ihm die DDR verlassen zu können, unterzieht sie sich bei einem Quacksalber einer "Geschlechtsumwandlung". Ihr bleibt ein "angry inch", ein zorniges Stückchen zurück, ohne aber dass sie nun direkt als Frau bezeichnet werden könnte. Irgendwo dazwischen hängend wird sie die Künstlerin Hedwig, die - in den USA, aber längst wieder geschieden - einen Jungen kennen und lieben lernt. Sie formt ihn nicht nach ihrem Bilde, sondern so, wie es ihr gefällt. Pygmalion machte es vor.

Hedwig ist erfolgreich, ihr Geschöpf aber untreu: Tommy Gnosis - bemerken Sie bitte den gebildeten Namen, den sie ihm gibt - macht sich mit ihren Songs davon und Karriere. Wenn Hedwig die Tür öffnet, hört man das Gejohle aus der Riesenhalle, in der Tommy Gnosis gastiert. Wir hingegen - Ironie dieses wahrlich selbstironischen Musicals - sind in Hedwigs Vorstellung gelandet, die im alten English Theatre auf der Kaiserstraße stattfindet. Die rosa illuminierte Plakatierung draußen passt glänzend in die Gegend und könnte zu Missverständnissen führen. Ein breitschultriges Funkenmariechen aber ist im Publikum so gut aufgehoben wie die bürgerlich gekleideten Pärchen, die mal was anderes sehen und was Lautes hören wollen. Das können sie haben.

Hedwig, Regisseur und Produzent ist hier - bei der deutschen Erstaufführung des englischsprachigen Originals - Nigel Francis, ehemaliger Schauspieler des English Theatre. Die Sportlichkeit des Rockstars, inklusive eines Sprungs von der Bühne, der die Mitte der ersten Reihe in Aufregung versetzt, kombiniert er mit einer prächtigen Rockstarstimme. Und einer Erzähllust, der das Verbindliche abgeht. Hier gibt einer alles, während er einen spielt, der alles gibt. Und das umsonst.

Dazu passen die abgewrackte Mauerkulisse und die Band, deren Instrumentalwucht mit schlechter Laune einhergeht. Fabelhaft besetzt ist Hedwigs Ko-Sänger (Carlotta Wüstkamp in einer Hosenrolle), dessen Position in der unerwartet komplizierten Geschichte man erst nach und nach begreift. Auch das Ende: eigen! Wer einfach nur einen scharfen Transvestiten angucken will, kann woanders hingehen. Hier wird mehr geboten. Grundkenntnisse über Platons Kugelmenschen sind wünschenswert, aber nicht Voraussetzung.

Read the article on www.fr-online.de.

Das zornige Stückchen (print version)
(Frankfurter Rundschau - 21 FEB 2009)

<< back