Hedwig Archive

Frankfurter Neue Presse - 15 FEB 2009

Schrilles Rockmusical «Hedwig And The Angry Inch» begeistert

Frankfurt. Nach zehn Jahren Laufzeit in einem New Yorker Off-Broadway-Theater und Gastspielen in Metropolen rund um den Globus ist «Hedwig And The Angry Inch» in Frankfurt angekommen. Das schrille kultige Rockmusical um eine gescheiterte Geschlechtsumwandlung feierte am Samstagabend inmitten des Rotlichtviertels der Bankenmetropole Deutschlandpremiere. Das Publikum, darunter aus ganz Deutschland angereiste Transvestiten, reagierte begeistert auf die emotionsgeladene Show im englischen Original unter dem Motto «Sex, Drag & RocknRoll» («Sex, Travesti und RocknRoll»).

Erzählt wird ein Leben, das komplett schief läuft. Hedwig ist ursprünglich Hänsel Schmidt, der sich nach unglücklicher Kindheit auf der Suche nach der großen Liebe in Ost-Berlin von einem GI zur Geschlechtsumwandlung überreden lässt. Nur so kann er ihn heiraten und die Mauer, auch die in der eigenen Persönlichkeit, überwinden: «Wenn du gehst, musst du etwas zurücklassen.» Das Zurücklassen klappt bei der Operation nur bedingt. «Ein ärgerliches Inch» der Männlichkeit bleibt ständiger Begleiter im Leben, das von Einsamkeit, Betrug und verpassten Chancen bestimmt wird. Der Fall der Mauer kurz nach der OP macht alles noch tragischer. Die große Liebe brennt mit Hedwigs Hits durch und wird der Star, der sie werden wollte.

Der grandiose Hauptdarsteller Nigel Francis, der das Stück in Frankfurt auch inszenierte und produzierte, lebt Hedwig in der «Ein- Mann-oder-auch-Frau»-Show voll und ganz, wenn er die bizarr- berührende Lebensgeschichte abwechselnd erzählt und singt. Der Brite verwandelt sich passend zur Geschichte permanent, auch stimmlich, und liefert über zweieinhalb Stunden einen einzigen Seelenstriptease und manchen echten Striptease. Die stolze Diva gibt er ebenso glaubwürdig wie die schäbige Schlampe. Das Publikum kann das Stück als Metapher für die Zerrissenheit eines jeden Menschen und der ganzen Welt verstehen oder in den wie dafür geschaffenen Räumen des 179 Besucher fassenden ehemaligen «English Theatre» aber auch einfach eine individuelle Lebens- und Leidensgeschichte miterleben.

Das Stück, das 2000 mit seinem Erfinder John Cameron Mitchell in der Titelrolle verfilmt wurde, strotzt vor Wortwitz, bei dem das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt, und vor beinahe philosophischen Statements. Um alles zu verstehen, müsste man fast Muttersprachler sein. Damit nicht zu viel auf der Strecke bleibt, sollte vielleicht über eine Übertitelung zumindest entscheidender Passagen nachgedacht werden. Entbehrlich sind englische Sprachkenntnisse, wenn es darum geht, die starken Songs zu genießen, die von einer ebenso starken, direkt aus der Frankfurter Szene rekrutierten Liveband (Carlotta Wüstkamp, Michael Scheuber, Winnie Rimbach-Sator, Bene Baum, Florian Baum) gemeinsam mit Hedwig präsentiert werden.

«Hedwig and the Angry Inch» ist so komplex wie die Titelfigur - ein großes Vergnügen, aber auch eine sehr traurige, berührende Geschichte. Wohl deswegen bleibt die Partystimmung wohldosiert, dafür ist die intensive Wirkung der sparsam in Graffitikulisse inszenierten Show umso größer.

(«Hedwig And The Angry Inch» läuft bis 14. März, mittwochs bis sonntags um 20 Uhr, im K52 Theater. Ticketpreise 19 bis 37 Euro. Infos: www.hedwigandtheangryinch.de )

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